XX. Mai 2026
Wenn, dann fair
Die Thyssenkrupp AG will ihre Sparte Material Services verselbstständigen. Das wird nur funktionieren, wenn es dabei fair zugeht. In der künftigen eigenständigen Gesellschaft müssen vernünftige Konditionen gelten, die Beschäftigten brauchen Perspektiven für gute und sichere Arbeitsplätze. IG Metall und ver.di pochen auf klare Zusagen
Grundsätzlich können sich die Gewerkschaften und ihre Betriebsräte eine Zukunft in einer neuen, eigenständigen Gesellschaft vorstellen, betont Ingo Klötzer, Unternehmensbeauftragter der IG Metall für Thyssenkrupp Material Services. Aber: „Dazu müssen die Voraussetzungen stimmen“. Sicherheit und Perspektiven stehen für IG Metall und ver.di an erster Stelle, sagt Klötzer. „Die Tarifverträge müssen weitergelten, die Arbeitsbedingungen gesichert sein.“ Ortwin Auner, ver.di-Gewerkschaftssekretär und für Material Services zuständig, ergänzt: „Die Kolleginnen und Kollegen verlangen zu Recht, dass die tariflichen Errungenschaften in vollem Umfang erhalten bleiben.“ Zusagen über faire Bedingungen könnten zum Beispiel in einer sogenannten „Fair-Owner-Vereinbarung“ verbindlich festgeschrieben werden.
Zugleich brauche die neue Gesellschaft eine wirtschaftliche Perspektive. „Wir wollen wissen, wie der Businessplan aussieht“, sagte Ingo Klötzer. Der Mutterkonzern hält sich mit Aussagen zurück – obwohl mögliche Pläne bereits Mitte Mai im Aufsichtsrat präsentiert werden sollen. Beide im Unternehmen vertretenen Gewerkschaften und die Betriebsräte haben dem Vorstand des Thyssenkrupp-Konzerns einen Fragenkatalog zukommen lassen (siehe Kasten).
Besonders wichtig ist den beiden Gewerkschaften und ihren Betriebsräten, dass die Mitbestimmung in vollem Umfang erhalten bleibt. „Nur starke Betriebsräte und Arbeitnehmervertreter in den Aufsichtsräten können gewährleisten, dass die Interessen der Beschäftigten auch nach einer Verselbstständigung gewährt bleiben“, sagt Ingo Klötzer. Eine Verwässerung der Mitbestimmung durch die Hintertür „werden wir nicht mitmachen“.
Kritisch blicken IG Metall, ver.di sowie die Betriebsräte auf die mögliche Rechtsform der neuen Gesellschaft. Eine Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA), wie sie bei der Verselbsständigung der Thyssenkrupp-Tochter Marine Systems gegründet wurde, stößt auf Widerstand – in ihr hätten die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat deutliche weniger Rechte eintreten (siehe Seite 3).
Die Betriebsräte verschiedener Geschäftsbereiche kämpfen entschlossen dafür, dass eine mögliche Verselbständigung fair gestaltet wird und Perspektiven für Unternehmen, Arbeitsplätze und Beschäftigte aufzeigt. „Wir lassen die Eigentümer nicht aus der Verantwortung“, sagt zum Beispiel Petra Mölsen, Betriebsratsvorsitzende bei Thyssenkrupp Schulte (weitere Stimmen auf der Rückseite).
Das sind unsere Fragen
IG Metall, ver.di und die Betriebsräte bei Material Services haben dem Thyssenkrupp-Konzern einen Fragenkatalog zukommen lassen. Das wollen wir wissen:
- Welche Rechtsform ist geplant?
- Was passiert mit der Mitbestimmung?
- Was ist das Geschäftsmodell?
- Wie sieht das Konzept für die Finanzierung aus?
- Welche Pläne gibt es für Beschäftigung und Standorte?
Interview
„Bedingungen müssen stimmen“

Ingo, Thyssenkrupp will Material Services in die Selbstständigkeit entlassen. Ist das gut oder schlecht?
Prinzipiell kann das ein guter Weg sein, allerdings müssen dazu die Rahmenbedingungen stimmen. Wir haben zu der Frage eine klare Haltung: Wir können uns vorstellen, diesen Weg mitzugehen, nur muss es dabei dann fair und vernünftig zugehen. Damit dies gewährleistet ist, müssen etliche Bedingungen erfüllt sein.
Welche Bedingungen sind das?
An erster Stelle stehen für uns Sicherheit und Perspektiven für die Beschäftigten. Wir wollen, dass auch in einer neuen Gesellschaft die Tarifverträge weitergelten und gute Arbeitsbedingungen erhalten bleiben. Niemand darf auch nur einen Cent verloren oder eine Minute länger arbeiten müssen, weil Materials selbstständig wird. An unseren tariflichen Errungenschaften lassen wir nicht rütteln und an der Stelle lassen wir auch nicht mit uns verhandeln. Außerdem muss gewährleistet sein, dass die Mitbestimmungsstrukturen in vollem Umfang erhalten bleiben. Wir haben bei Material Services starke Betriebsräte und wir haben in den Aufsichtsräten ein gewichtiges Wort mitzureden. Das muss so bleiben.
Siehst du in einer Verselbstständigung generell eher Chancen oder eher Risiken?
Sie kann eine Chance seien, wenn die Weichen in die richtige Richtung gestellt werden. Dazu gehört die richtige Rechtsform, dazu gehören aber auch weitere Rahmenbedingungen. Wir wollen wissen: Wie sieht denn der Business-Plan der neuen Gesellschaft aus? Wichtig ist uns auch, dass die nötigen Investitionen fließen können. Wenn Material Services auf eigenen Beinen stehen soll, muss die neue Gesellschaft auf einem soliden Fundament gebaut sein. Nur dann sind Arbeitsplätze, Bezahlung und Arbeitsbedingungen auf Dauer gesichert.
Was ist der kritische Punkt bei der geplanten Verselbstständigung?
Die Rechtsform. Wenn der Vorstand Material Services in eine Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) ausgliedern will, so wie das mit der Marine-Sparte geschehen ist, dann sehen wir das sehr kritisch, weil in einer KGgA unsere Mitbestimmungsrechte stark eingeschränkt werden. Dort hat der Aufsichtsrat zum Beispiel keine Mitsprache bei personellen Entscheidungen, etwa der Berufung von Vorstandsvorsitzenden oder auch bei der Bezahlung der Vorstände. Damit würde ein wichtiges Druckmittel genommen und der Vorstand der Muttergesellschaft könnte durchregieren. Das kann nicht im Sinne der Beschäftigten sein. Und es ist übrigens auch nicht im Sinne künftiger Aktionäre. Auch ihre Rechte und damit ihre Mitwirkung wären in einer KGaA beschnitten. Leider äußert sich der Vorstand bislang nicht, welche Rechtsform er in Erwägung zieht.
Du kritisierst die Kommunikation der Muttergesellschaft?
Ja, beziehungsweise: Ich kritisiere, dass es momentan keinerlei Kommunikation gibt. Unser Eindruck ist: Die Verantwortlichen wollen ihre Entscheidungen möglichst geräuschlos durch die Gremien bringen. Bislang hüllt sich der Vorstand der Thyssenkrupp AG um Vorstandschef Miguel Lòpez nämlich in Schweigen. Damit lassen wir sie so aber nicht mehr durchkommen. Wir haben deshalb einen Fragenkatalog aufgestellt und fordern konkrete und detaillierte Antworten zu den Plänen und Vorstellungen des Vorstands der Mutter. Die sind für uns bislang eine Blackbox. Nur wenn wir endlich Einblick bekommen, können wir uns ein Bild machen, ob die Pläne im Sinne der Beschäftigten sind..
Wie geht es jetzt weiter?
Wir erwarten vom Vorstand der Mutter konkrete Antworten auf unsere Fragen, und dass möglichst schnell. Die Zeit drängt, denn der Vorstand der Thyssenkrupp AG möchte schon am 20. Mai Fakten schaffen und seine Pläne in einer Aufsichtsratssitzung vorstellen.
Wie sind die beiden Gewerkschaften und die Betriebsräte aufgestellt?
Bei Material Services ist neben der IG Metall auch unsere Schwestergewerkschaft ver.di vertreten, das ist historisch so gewachsen. Wir arbeiten eng zusammen und haben eine Arbeitsgemeinschaft gegründet, in der die Betriebsräte der verschiedenen Unternehmenseinheiten sich austauschen und ihr Vorgehen abstimmen. Das ist sehr wichtig, damit wir zum Wohle aller Beschäftigten handeln können, und es klappt sehr gut.
Gehst du optimistisch in die Auseinandersetzung?
Ja. Wir haben bei Materials Services schon in Vergangenheit bewiesen, dass wir gemeinsam und mit einer starken Belegschaft im Rückend etwas erreichen können, und das werden wir auch bei den bevorstehenden Entscheidungen wieder tun.
Kann das
funktionieren?

Wenn Material Services als eigenständiges Unternehmen Erfolg haben soll, braucht es ein belastbares Geschäftsmodell. IG Metall und ver.di verlangen, dass die Verselbstständigung „auf einem tragfähigem Business Case basiert“, sagt André Küster Simic von Q&A Küster Banner, einer Unternehmensberatung, die die Gewerkschaften und die Betriebsräte in den bevorstehenden Verhandlungen unterstützt. „Ganz wichtig ist, dass die Muttergesellschaft in schlüssiges Finanzkonzept vorlegt“, ergänzt er. Außerdem müsse das Geschäftsmodell einem Stresstest unterzogen werden. Mit solchen Stresstests wird simuliert, wie ein Unternehmen bei extremen Marktentwicklungen reagieren kann, etwa wenn Preise stark fallen et cetera.
Von entscheidender Bedeutung sei aber, dass das neue Unternehmen auch tatsächlich eigenständig agieren und seine Entscheidungen selbst treffen kann – und nicht etwa der Ex-Mutterkonzern durchregieren kann. Deshalb, so Unternehmensberater Küster Simic, „ist die Wahl der richtigen Rechtsform so wichtig“. Bei einer Kommanditgesellschaft auf Aktien sei nicht gesichert, dass das neue Unternehmen tatsächlich unabhängig vom Ex-Mutterkonzern wird.
Außerdem erwarten die Gewerkschaften und die Betriebsräte eine klare und verantwortungsvolle Dividendenpolitik. „Es muss ausreichend Geld im Unternehmen verbleiben, um in die Zukunft zu investieren und die Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig zu sichern“, sagt Küster Simic.. Prinzipiell seien die Chancen bei Material Services gut, die Interessen der Beschäftigten, der Mutter, der jetzigen Aktionären der Thyssenkrupp AG und der künftigen Aktionäre einer neuen Gesellschaft unter einen Hut zu bringen. „Wenn man jetzt die richtigen Voraussetzungen schafft“, sagte der Unternehmensberater.
Stimmen
Was uns wichtig ist
Betriebsräte aus allen Sparten von Material Services haben sich zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen. Sie tauschen regelmäßig Informationen aus und sprechen sich ab. Gemeinsam wollen sie die Zukunft des Unternehmens und seiner Beschäftigten positiv beeinflussen. Hier sagen einige von ihnen, was ihnen wichtig ist.
Fotos: Thomas Range
Brauchen gute Startchancen
„Wenn Materials in die Selbstständigkeit entlassen wird, dann braucht das neue Unternehmen gute Startchancen, um sich auf dem Markt behaupten zu können. Wir werden darauf achten, dass die neue Gesellschaft eine Perspektive für eine positive wirtschaftliche Entwicklung hat.“
Rechtsform muss geklärt sein
„Die Frage nach der Rechtsform des neuen Unternehmens muss schnell und eindeutig geklärt werden. Wir brauchen eine Unternehmensform, bei der die Mitbestimmung nicht verwässert wird. Unseres Erachtens kommt eine Kommanditgesellschaft auf Aktien nicht in Frage.“
Mitbestimmung ist uns wichtig
„Wir haben funktionierende Mitbestimmungsgremien. Das ist gut und wichtig – und so soll es auch bleiben. Wir legen Wert darauf, dass nach einer Verselbständigung die Mitbestimmung nicht hinten runter fällt und sich die Eigentümer aus der Verantwortung stehlen.“
Wir pochen auf Tarifbindung
„Wir haben funktionierende Mitbestimmungsgremien. Das ist gut und wichtig – und so soll es auch bleiben. Wir legen Wert darauf, dass nach einer Verselbständigung die Mitbestimmung nicht hinten runter fällt und sich die Eigentümer aus der Verantwortung stehlen.“
Auf die Kleinen aufpassen
„Materials besteht aus den unterschiedlichsten Geschäftseinheiten, einige größere, aber auch viele kleinere. Wenn das Unternehmen nun in die Selbstständigkeit entlassen wird, muss gewährleistet sein, dass die kleineren Einheiten nicht untergehen.“
Wir brauchen Investitionen
„Materials als selbständiges Unternehmen wird massiv investieren müssen, um im Markt bestehen zu können. Hier ist die Muttergesellschaft gefordert. Sie müsse gewährleisten, dass nach einer Verselbständigung die Mittel für die nötigen Investitionen vorhanden sind.“

